Hintergründe des Takemusu Aiki (Text: Stanley Pranin, deutsche Übersetzung von Anja Gebele)

Die Kampfkunst Aikido hat in den letzten Jahren sowohl in ihrem Geburtsland Japan als auch im Ausland weite Beachtung gefunden. In Anbetracht der ständig wachsenden Anhängerschaft der Kampfkunst während der letzten 30 Jahre und ihrer Darstellung in Hollywoodfilmen, die in der letzten Zeit von Millionen Zuschauern gesehen wurden, ist dies nur verständlich. Obwohl Aikido genaugenommen eine Kriegskunst ist, neigt die Öffentlichkeit dazu, es mit den bekannten Kampfsportarten Judo, Karate, Kung Fu und Taekwondo in einen Topf zu werfen.

Wie unterscheidet sich Aikido von anderen Kampfsystemen? Von auffälligen Unterschieden in der Technik abgesehen, wird Aikido dadurch einzigartig, daß es eine reine Selbstverteidigung ist. Im Aikido gibt es keine Angriffsbewegungen, was die philosophischen und ethischen Prinzipien dieser Kampfkunst widerspiegelt. Andere Kampfsysteme umfassen gleichermaßen Angriffs- und Verteidigungstechniken, und bei vielen von ihnen überwiegt mittlerweile der sportliche Aspekt. Dies gilt z.B. für Judo (seit 1964 olympische Disziplin), Karate, Taekwondo und für verschiedene andere Kampfkünste. Vielen Schülern dieser Kampfsportarten ist nur die Teilnahme und der Sieg bei sportlichen Wettbewerben wichtig; das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken tritt in den Hintergrund.

Die Betonung von Aikido liegt auf dem geistigen Wachstum des einzelnen durch das Erwerben von Fertigkeiten, die der Verteidigung dienen. Die ethische Dimension des Aikido durchdringt jeden Aspekt seiner Ausübung sowohl auf der Matte als auch im täglichen Leben.

Im philosophischen System des Begründers Morihei Ueshiba ist Aikido ein Mittel, die Menschheit zu einer "Weltfamilie" zu vereinen. Es ist kein Mittel, andere zu verletzen, sondern eher ein Weg zu einem "liebenden Selbstschutz".

Wenn der Aikido-Übende einer körperlichen Bedrohung ausgesetzt ist, wendet er im Idealfall nur soviel physische Kraft an, wie nötig ist, den Angriff zu neutralisieren und versucht gleichzeitig, den Angreifer nicht zu verletzen. Tatsächlich streben ernsthafte Aikidoanhänger sogar nach einer höheren Stufe. Sie versuchen, ihr Leben so zu führen, daß sie unter allen Umständen Konfliktsituationen und potentielle Gewalt - sei es auf zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher oder jeder anderen Ebene - spüren.

Konfliktsituationen sollen erahnt und durch Entwicklung von Selbstvertrauen, geschärftes Bewußtsein und Voraussicht ganz vermieden werden. Um dieses Ziel zu verwirklichen, sind viele Jahre eifriger Übung unerläßlich. Aikido kann man sein Leben lang ausüben und ernsthaftes Training bringt nicht nur die ständige Verbesserung technischer Fertigkeiten, sondern auch ein tiefes Verständnis für das Wesen des Menschen mit sich.

Da sich seine Ziele von denen anderer Kampfkünste unterscheiden, zieht Aikido eher Menschen an, die sich für seine Prinzipien harmonischer Wechselwirkungen interessieren. Diejenigen, denen vorrangiges Interesse darin liegt, kämpferische Fähigkeiten zur Anwendung auf der Straße oder in sportlichen Wettbewerb zu erlangen, tendieren eher zu anderen Kampfkünsten. Es wäre allerdings falsch, Aikido-Techniken als unwirksam einzustufen. Wird es in der Tradition des Begründers Morihei Ueshiba ausgeführt, behält Aikido eine ausgeprägte kämpferische Dimension. Die Techniken werden bestimmt, aber ohne gewaltsame Absichten ausgeführt. A"ußerst wirksame Hebel und Festhaltegriffe kontrollieren und lähmen den Gegner, ohne bleibende Verletzungen zu verursachen. Tatsächlich ist man mit Aikido-Techniken in der Lage, ernsthafte körperliche Schäden zu vermeiden, oder sogar den Tod des Gegners herbeizuführen. Die Grundsätze des Aikido schließen solch zerstörerisches Verhalten jedoch aus.